Wie bereits im letzten Bericht angekündigt, sind wir auf dem Weg nach ‘Sin City’, also Las Vegas. Eigentlich sind wir Landeier
von Städten ja nicht so begeistert, aber Las Vegas muß man wohl gesehen haben... und außerdem gibt’s dort einen Landrover-Händler. Nein, nein... keine Angst - der Landy ist nicht kaputt
(mit der holperigen Starterei haben wir uns mittlerweile mehr oder weniger abgefunden) aber er braucht einen großen Service. Das heißt: Motorölwechsel, alle Getriebeöle und die
Bremsflüssigkeit muß endlich mal getauscht haben (erinnert Ihr Euch an Darwin/Australien? Eigentlich sollten die das ja dort machen, haben es dann aber vergessen obwohl es aufgeschrieben
wurde...). In den Landy müssen endlich wieder Originalöle rein, denn hier ist es vor allem Nachts bitterkalt. Die auf warme Regionen zugeschnittenen Öle, die in Australien verwendet
werden, sind hier einfach nicht geeignet. Wir haben zwar alle Teile, die zum Ölwechsel notwendig sind, dabei, doch scheint es nirgends einen geeigneten Platz für solche Wartungsarbeiten zu
geben. Auf Campingplätzen darf man grundsätzlich keine ‘Schraubereien’ durchführen und irgendwo neben der Straße in Staub und Sand ist auch nicht eben toll. Außerdem muß für das Wechseln
der Bremsflüssigkeit die Räder abgeschraubt werden, damit die Bremsen entlüftet werden können - ohne Hebebühne ein wirklich mühseeliges Unterfangen. All diese Gründe bewegen uns deshalb bei
diesem Händler vorbei zu schauen. Mal sehen was die sagen. Ob die überhaupt eine Ahnung von Diesel-Defendern haben? Um nach Las Vegas zu kommen, fahren wir auf der Interstate 40 von
Flagstaff Richtung Kingman. Ungefähr auf der Hälfte der Strecke passiert man das kleine Städtchen Seligman. Was ist besonderes an Seligman? Nun, es liegt direkt an der ‘Historic Route 66’,
ja, DER Route 66. Kleine Teilstrecken sind noch befahrbar, doch sind sie meist abseits und führen oft nur an verlassenen Geisterstädtchen vorbei. Durch den Bau der modernen Highways ist
diese historische Straßenverbindung zwischen Chicago und Los Angeles ‘aus der Mode’ gekommen. Seligman jedoch hat sich irgendwie seinen 50-er-Jahre-Charm erhalten und sogar einen sehr
kleinen historischen Distrikt, indem eine mehr oder weniger authentische Häuserszene aus Wild-West-Zeiten erhalten oder wiederaufgebaut wurde. Insbesondere das ‘Jail’ ist sehr sehenswert...
Über Kingman, Hoover Dam und Boulder erreichen wir dann einen Tag später Las Vegas. Schon von weitem sieht man die
Dunstglocke über der riesigen Wüstenstadt hängen. Bei Tag sieht sie allerdings nicht allzu beeindruckend aus - wir sind schon
auf die Nacht gespannt... Unser erster Anlaufpunkt ist wie geplant Land Rover Las Vegas. Als wir vorfahren, erregen wir erstmal
wieder eine Menge Aufmerksamkeit. Ein Mitarbeiter nach dem anderen schaut sich unser Reisevehikel mehr oder weniger auffällig
an (zufällige Raucherpause?). Nachdem wir eine Weile ausgefragt werden kommen wir schließlich zum Eingemachten und treffen
auf den Serviceleiter, der sofort einen sehr unsympatischen Eindruck macht. Da wir die notwendigen Ölfilter dabei haben, könnten
sie alle Arbeiten am nächsten Tag durchführen - für 820,-- US--Dollar! Uns fällt erst mal die Kinnlade runter - soviel hätten wir nicht
gedacht - und das soll ein Sonderpreis sein? Vielleicht ein Sonderpreis mit Touristenaufschlag. Das ist reine Arbeitszeit und
Kosten für die Öle - die Filter bringen wir ja mit! Wir debatieren einige Zeit und willigen dann schließlich doch ein, den
Werkstatteinsatz durchführen zu lassen. Von kulanten Landrover-Händlern, wie andere Reisende schon berichtet haben, sehen
wir keine Spur. Bisher haben sie uns alle nur abgezockt! Mit hängenden Köpfen und Laune auf dem Tiefstand fahren wir erstmal
zu Walmart. Dort versucht jeder die schockierende Nachricht auf seine Art zu verdauen, was uns leider nicht gelingt. Seit einiger
Zeit machen wir uns schon Sorgen, was wohl sein wird, wenn wir wieder zurück in Deutschland sind. Vor Reiseantritt hat alles
rosig ausgesehen: ‘als Ingenieur brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen, bei Ihrer Rückkehr wieder einen Job zu bekommen’
waren die Worte des Beamten auf dem Arbeitsamt, als wir uns vom Arbeitsmarkt abmeldeten. Die Wartehalle dort war damals
leer. Dann kam die Wirtschaftskrise und plötzlich sieht alles ganz anders aus. Wir hatten gehofft, die schlechte Zeit unterwegs
‘aussitzen’ zu können, aber angesichts der schwindenden Barschaft scheint diese Hoffnung in weite Ferne und die Heimreise
deutlich näher zu rücken. Haben wir mit dieser Reise zu hoch gepokert? Wir werden sehen und ihr könnt’s hier lesen. Es ist
schon hart, sich eine so tolle Reise durch solch trübe Gedanken und Sorgen belasten zu lassen. Wenn wir uns und unsere
Kameras nicht hätten.... Unser Lebensmotto kommt wieder in den Vordergrund: ‘Hauptsache wir haben uns’.
Langsam berappeln wir uns wieder und ich beschließe, daß wir uns auf dem nahegelegenen RV-Park am Circus Circus
einquartieren. Auf die 40,-- Dollar kommt’s nun auch nicht mehr an. Gerade als wir auf den RV-Park einbiegen wollen, sehen wir
einen Obdachlosen an der Kreuzung stehen: ‘Habe Hunger’ steht auf dem Plakat in seiner Hand, mit dem er die Straße vor einer
Ampel auf und ab läuft. Wir haben zwar nichts Essbares greifbar, doch reichen wir ihm eine Dose Cola, die er mit dem Worten
‘God Bless You’ annimmt. Daß auch das Cola willkommen ist zeigt sich dadurch, daß er sie gleich an Ort und Stelle zufrieden aufreißt und drinkt. Hoffentlich geht’s uns nicht auch mal so.
Mit dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, richten wir uns auf dem arschteuren RV-Park, der allerdings auch direkt am ‘Strip’
gelegen ist, ein. Wir duschen (mal wieder) und kochen was leckeres. Als die Nacht hereinbricht, machen wir uns auf den Weg,
den ‘Strip’ (das ist die Straße, an der sich alle Casinos befinden) hinunter. Ich will die bunten Leuchtreklamen fotografieren und
einfach mal die Luft von Showbiz und Geld schnuppern. Gespielt wird natürlich nicht - wir haben unser Geld schon beim
Landrover-Händler verzockt... Es stimmt schon - Las Vegas muß man gesehen haben. Alles ist künstlich und auf Show
ausgerichtet - nichts ist echt, alles nur Scheinwelt und Gaukelei. Hier ein paar Eindrücke vom Strip. An den einarmigen Banditen
im ‘Riviera’ ist nicht viel los, wie eigentlich am ganzen Strip - Auswirkung der Wirtschaftskrise? Nach 3 Stunden Lauferei, kehren wir dann müde zum Landyheim zurück. Am nächsten Morgen müssen wir früh raus, denn Landy
hat um 8.00 Uhr Termin beim ‘Doktor’. Mit dem !kostenlos! gestellten Mietwagen fahren wir zum nahegelegenen Red Rock
Canyon, um auf den Anruf des ‘Unsympaten’ zu warten. Kurz nach 2 Uhr dann schon der Anruf - der Landy ist fertig. Ich freue
mich schon: fein, dann wird es doch etwas billiger - nur 41/2 statt der veranschlagten 6 Stunden Arbeitszeit. Als wir ankommen,
wird unsere Hoffnung aber prompt abgeschmettert. Es kostet, was es kostet und wir sollen das gefälligst zahlen! Nach Bezahlung
der 820 Dollar und 46 Cent (auf Heller und Pfennig) werden wir hinauskomplementiert. Soviel zum kulanten Landrover Service!
Den ganzen Tag bin ich angesichts solcher Unverfrorenheit noch geladen, aber was bringt’s. Die Nacht verbringen wir auf Camp
Walmart und verlassen Las Vegas am nächsten Tag auf dem direktesten Weg in Richtung Death Valley - da sollen ja die Wildblumen blühen...
Zu unserer Enttäuschung stellt sich heraus, daß es ein sehr schlechtes Blumenjahr ist und wir außerdem etwas zu früh im Jahr
dran sind. Nach einer Nacht im Death Valley fahren wir gleich weiter in Richtung Mojave Desert, doch auch da ist
nada-niente-nothing- nichts - zu trocken. Im Joshua Tree NP sieht’s etwas grüner aus, aber wir sind noch viel zu früh. Trotzdem
verbringen wir eine Nacht auf dem schön gelegenen staatlichen Campingplatz ‘Belle’. Der Joshua Tree NP ist wirklich
wunderschön, vor allem auch wegen der bizarren ‘Bäume’, die eigentlich eine Yucca-Art sind. Im Cholla-Garten sind eine dichte Ansammlung dieser Kaktusart zu bewundern.
Nun gilt es zu überlegen, wie es weitergehen soll. Wo sind Wildblumen zu finden? Ein Fotograf im Death Valley hat uns gesagt,
daß es in der Tuscon-Gegend ganz gut sein soll. Wieder nach Tuscon fahren? - da kommen wir doch her! Das kommt nun
wirklich nicht in Frage. Unsere letzte Hoffnung ist also der ganz im Süden Kaliforniens bei San Diego gelegene Anza Borrego
State Park. Obwohl sehr abseits von unserer Reiseroute gelegen, entscheiden wir uns doch, dort hin zu fahren. Der
Online-Wildflower-Report sagt, daß die Blüte dort wenigstens durchschnittlich sein soll. Wir nehmen also die lange Strecke nach
Süden auf uns und staunen nicht schlecht, als wir im State Park ankommen. Eigentlich hatten wir erwartet, daß wir eine Stange
Geld für Camping und Eintritt zahlen müssen - aber nichts dergleichen. Schon beim Reinfahren sehen wir, daß überall Camper
und Motorhomes kreuz und quer in der Wüste verteilt sind. Ist etwa freies Camping erlaubt? Am Visitorcenter erfahren wir, daß
Anza Borrego einer der wenigen State Parks ist, in dem tatsächlich freies Campen erlaubt ist und auch kein Eintritt verlangt wird.
Wir freuen uns: klasse, endlich können wir unseren Geldbeutel mal ein bißchen schonen. Im Visitorcenter erfahren wir auch, wo
es angeblich Blumen haben soll. Bei der Anfahrt haben wir nämlich so gut wie keine gesehen, was die Stimmung mal wieder auf
den Nullpunkt gedrückt hat. Sollten wir die ganze Strecke umsonst gefahren sein? Gott sei Dank stellen sich die Aussagen des
Rangers als richtig heraus und wir finden einige gute Stellen mit Wildblumen aller Art. Hier ein paar Eindrücke der blühenden Wüste: Auch die Kakteen beginnen langsam zu blühen:
Beim Fotografieren, werden wir plötzlich in Deutsch angesprochen. Wir erfahren, daß die 2 1/2 (die eine Hälfte des 3. Paares ist
britisch) der ehemals Deutschen Ehepaare in der Nähe ein Camp haben und sie laden uns ein, bei ihnen zu übernachten. Im
Laufe des Abends erfahren wir, daß sie schon vor 30 oder 40 Jahren nach Amerika ausgewandert sind und sich hier sehr wohl
fühlen. Die nächsten 3 Tage verbringen wir mit Fotografieren und abends kehren wir zum Camp zurück und verbringen mit
unseren neuen Bekannten nette Abende. Während ich mich den Blumen widme, fotografiert Steffen Kolibris, die jetzt überall an
Blüten herumschwirren, um Nektar zu trinken. Die hier vorkommenden Costa’s Hummingbirds sind gerade mal 10 Zentimeter
groß, die kleinsten der Welt (in den Tropen sind sie meistens größer). Er hat Glück und findet sogar eine Mama, die ihr Junges,
das allerdings schon flugfähig ist, füttert. Während Mama relativ unscheinbar gefärbt ist, ist Papa eine wahre Pracht. Scheint die
Sonne im richtigen Winkel auf sein Gefieder, schillert es leuchtend pink und lila. Als unsere ‘Sechse’ dann nach einer knappen Woche abreisen, beschließen wir, noch eine Weile hier zu bleiben. Es kostet
nichts und die Sonne scheint täglich. Sonne heißt, daß wir unsere Solaranlage nutzen und am Rechner arbeiten können (die
Australien-Bilder sind immernoch nicht alle verschickt). Wir tauschen unsere E-Mail-Adressen aus und werden herzlich eingeladen, bei ihnen vorbeizuschauen, wenn wir in der Nähe von LA sind.
Die nächste Woche verbringen wir in der Wüste. Hier ein paar Eindrücke von unserem Campleben: Landy in der Botanik, wir bei
der Arbeit (zumindest ich - mein Männe bildet sich literarisch weiter), Kochen im Landy, beim Linsen-Essen (leider ohne Saitenwürstle), beim Grillen, Haare waschen mit der Outdoor-Dusche. Nach einer weiteren Woche Sesshaftigkeit zieht es uns aber weiter. Wir wollen nochmal im Joshua Tree NP nach den
Wildblumen schauen. Es sieht jetzt schon ein bißchen besser aus, aber trotzdem verläuft die Blumenblüte hier enttäuschend. In
den höheren Lagen ist es noch immer zu früh und wir beschließen nur zu übernachten und dann weiterzufahren. Unser nächstes
Ziel ist das California Poppy Reserve im Antelope Valley bei Lancaster. Theoretisch wissen wir, daß es für die Poppies
(Kalifornischer Mohn) eigentlich noch 2 Wochen zu früh ist, aber wir hofffen, daß auch andere Blunmen blühen. Und tatsächlich,
es blüht schon einiges. Ich bin im 7. Himmel, als ich die Farben- und Blütenpracht sehe! Schaut selbst! Im Moment herrscht
noch das Gelb der ‘Goldfiields’ vor, in ca. 2 Wochen wird aber alles orange leuchten. Weiter geht’s von Lancaster immer nach Norden in Richtung der Sierra Nevada. Ganz in der Nähe des hübschen Örtchens Lone
Pine liegt die Alabama Hills Recreation Area. Ein Gebiet, das vor allem durch die Filmindustrie bekannt geworden ist, denn viele
Western - unter anderem auch mit John Wayne und anderen berühmten Westernstars - wurden in dieser ‘Steinwüste’ mit den
schneebedeckten Bergen der Sierra Nevada als Hintergrund, gedreht. Noch heute wird das Set für die Filmerei benutzt, aber auch
für die Fotografie ist es sehr interessant, denn es befinden sich dort einige sehr schöne Felsbögen. Ab und zu muß auch höchster Einsatz gebracht werden, um das gewünschte Bild zu bekommen. Steffen muß halsbrecherisch
über diese ausgesetzten Felsen klettern und mit dem Oberkörper nach unten hängen um die verschneiten Berge in die Öffnung
des Bogens zu bekommen. Schießlich wollen wir die Gipfel des ‘Lone Pine’ schön eingerahmt haben. Ich bin ganz schön froh, als er heil wieder auf festem Boden steht. Für die nächsten beiden Tage ist Sturm mit Böen von bis zu 80 Meilen/h angesagt und wir beschließen die nächsten beiden Tage
auf dem nahegelegenen Campingplatz zu übernachten. Er ist zwar auch wieder relativ teuer (30,--/Nacht) aber dafür ist ein
Muffinfrühstück dabei und wir können mal wieder richtig duschen, waschen und auch beide am Rechner arbeiten.
Unser nächstes Ziel ist (mal wieder) das Death Valley. Wahrscheinlch sind die Blumen immernoch nicht gut, aber dafür gibt’s ja auch einiges anderes zu sehen! Bis bald im Tal des Todes |